Frédérique Niobey
Grau und auch Grün
Es ist so, als würde man über den Hochhäusern schweben. Sie von oben betrachten. Sie werden immer kleiner. Und auf einmal sind sie verschwunden.
Ob dieses Buch gerade in die jetzige Zeit der Kulturkritik passt ist für mich keine Frage. Wie kein anderes beschreibt es authentisch die Stimmung der Stadtkinder und Hochhausburgen, wo Lebensträume schon zu Ende sind, ehe sie je geträumt wurden.
Das Buch beginnt damit, dass Nadjas Freundin fort zieht und nach vielen Seiten grau in grau, auf denen Frederique Niobey mit ihrem ganz anderen Stil des Schreibens wunderbare Worte findet, kommt langsam die Farbe grün zum Tragen. In Gestalt einer wunderbaren, alten, verschrobenen Frau, welche jedem, der den Film Harold und Maude gesehen hat, ein Schmunzeln entlocken sollte. Loeiza lässt nicht locker, da hilft weder den MP3-Player lauter zu drehen noch die Straßenseite zu wechseln. Im Bus setzt sich die Alte dann neben Nadja und irgendwann fangen beide an zu lachen. Das Eis ist gebrochen. Nadja fährt mit Loiza nach Hause und die Farbe grün kommt in jedem Wort, in jeder Geste zum Tragen. In kurzen Aphorismen, kleinen Briefen an Nadjas Freundin und inneren Monologen beschreibt Nadja was sie erlebt, da wird von den Begebenheiten und kleinen Einzelheiten geredet, die stattgefunden haben, die wir als Leser aber nur aus zweiter Hand geboten bekommen.
Eine wunderbar und zugleich merkwürdige Leichtigkeit geht von dieser Geschichte aus, die fast (zu) wortkarg erzählt wird und sich nicht scheut, an gefühlvollen Stellen auf die Texte französischer Chansons zurückzugreifen. Was gerade mir besonders gefallen hat. Auf der einen Seite das Mädchen, das ihr Leben noch vor sich hat, und auf der anderen Seite die alte Frau – ihr Leben gelebt. Sicherlich gab es dies schon in vielen Büchern, aber es sei versichert: Nicht so!
ISBN 3551374457, BvT 2006, 143 Seiten, broschiert, € 5,90
rezensiert von Samson am 29.10.2008
rezensiert von Samson am 29.10.2008
