Anne-Sophie Brasme

Das erste Mal sah ich sie an einem Samstagnachmittag

Marica hatte salzige Haut.
Marica hatte salzige Haut, und dafür habe ich sie geliebt. Eine perverse Begierde, die Laune eines Verdammten.

Joachim Kellermann ist Professor einer Uni, aber man merkt nichts davon; was sein Leben, seine Tage ausfüllt ist die Kunst. Photographie, Malerei, klassische Musik. Das Photopapier, die Leinwand, die füllt er jedoch mit hässlichen Menschen. Mit Menschen mit körperlichen Besonderheiten, wie er in einer Anzeige schreibt.

Diese Anzeige liest eines Tages Marica. Sie ist hässlich. Wirklich hässlich und das wird auch niemals im ganzen Buch und von allen Menschen, die sie trifft, in Frage gestellt. Sie hat einen zu großen Mund und hässliche Zähne und das allein macht sie zu einem Monster. Mich persönlich hat das halb verrückt gemach, dass ein Umstand wie Mund und Zähne, die man ja mit ein wenig Geduld richten kann, ihr Leben bestimmen und es vernichten, sozusagen. Denn was folgt ist ein Heruntersetzen der Würde. Joachim fängt an, sie zu malen, sie in seine Studie "Karneval der Monster" miteinzubeziehen. Beide beginnen eine seltsame Sex-Beziehungen, beide finden sich gegenseitig abartig und das findet der Leser, also ich, auch abartig. Brasme schreibt von Schweiß und Gewalt und Ekel. Und das nicht nur beim Sex, sondern bei jeder Geste und jedem Aufeinandertreffen.

Wir spazierten durch die Straßen und ahmten die anderen nach. Wir hielten uns an der Hand. Das war lächerlich. Es war mir ein Grauen, es schnürte mir die Kehle zu, sobald ich spürte, wie ihre Finger zwischen meine Finger schlüpften, wie sich ihre Hand mit meiner Hand verband. Wir stellten es ungeschickt an. Unsere Finger hielten sich kaum aneinander fest. (S.100)


Keinem von beiden gelingt es, irgendwelche Sympathien zu erhaschen. Beide sind vom Charakter, von ihren Äußerungen und den Umständen ihres Lebens so verkorkst, dass ich beide nicht mag.

Mit meinem großen Mund hätte ich die ganze Welt auffressen, sie blutig beißen, sie verschlingen können. Ich hätte eine Frau werden können.
Stattdessen wurde ich die Königin in einem unheimlichen Karneval.
(S. 160)


Joachim fängt an, die Geschichte von ihm und Marica aufzuschreiben, die Geschichte fern jeder Normalität. Abwechselnd liest der Leser also die Sicht Joachims und Maricas Geschichte. Dabei sehen beide vieles identisch, gleich abstoßend.

Wenn man das Buch weglegt und am nächsten Tag noch einmal darüber nachdenkt, so ist es doch kein schlechtes Buch. Es ist weder schwerfällig geschrieben, noch muss man sich hindurchkämpfen, es ist gut geschrieben, aber eben voller unschöner Inhalte, voller Monster im Alltäglichen. Ich kann nicht sagen, dass ich das Buch nicht mag, aber zumindest kann ich sagen, dass ich weder Joachim noch Marica mag.
ISBN 3442311004, Piper 2006, 190 Seiten, gebunden, € 18,00
rezensiert von Diana am 01.11.2008