Hilde Domin
Gesammelte Gedichte
Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen
damit es anders anfängt
zwischen uns allen
In unserer heutigen Zeit, wo viele der Identitäten um uns herum durch RTL oder myspace geprägt sind und durch sie letztlich verloren zu gehen drohen, wartet man auf ein feinsinniges, gehaltvolles, gutes Gedicht wie eine Schwangere auf ihr erstes Kind. Um Himmels willen!, mag der ein oder andere jetzt denken, da wagt sich jemand an eine Rezension oder Kritik über einen ganzen Gedichtband von Hilde Domin. Man kann doch über ein einzelnes Gedicht schon ganze Seiten an Interpretationen verfassen. Sicher kann man das, aber man kann auch über »Die gesammelten Gedichte« schreiben. Eine Voraussetzung für mich: Meine Liebe zu Hilde Domin.
Ihre gesammelten Werke geben uns einen Überblick über das Werk dieser bemerkenswerten, kleinen, feinsinnigen Dame, von ihren lyrischen Anfängen in Santo Domingo (Dominikanische Republik) im Herbst 1951 bis in das Jahr 1985 (Deutschland, Heidelberg). Dieser erste Gedichtband wurde gleich ein außerordentlicher Erfolg. Wenige Dichter sind von ihrem Publikum so geliebt worden wie die Domin. Geliebt wegen der so zarten und doch kräftig klaren Gedichte. Von mir vor allem geliebt wegen der Art, wie Hilde Domin auf uns Leser zuging, freundlich, strahlend und energisch zugleich. Im Ganzen wurden in den gesammelten Werken etwa 100 bisher unveröffentlichte oder schwer zugängliche Texte vorgelegt. Frau Domin ist eine deutsche Dichterin durch und durch. Sie ist tief und stark verwurzelt in der deutschen Kultur und der deutschen Tradition und das, obwohl sie Jüdin war.
Das inhaltliche Spektrum der Texte in diesem Band ist weit: Neben Liebesgedichten und den bekannten Exil-Gedichten der Domin finden sich poetologische und engagierte, ja fast politische Gedichte. Auch die erotischen Gedichte hat Hilde Domin nicht ausgespart.
Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln.
Ich bemerke gerade, wie schwer es ist, über diesen Band zu schreiben, ohne sich in der spannenden Biographie der Domin zu verlieren. Ihre Lyrik ist und sollte nicht Anhang an diese Biographie sein, nein, sie steht ganz allein für sich und das sei mit Nachdruck gesagt. Vielleicht mag der ein oder andere denken, dass Frau Domins lyrisches Lebenswerk vergleichsweise schmal ausfällt; ihren Stil könnte man mit »einfach« und »knapp« umschreiben. Niemals verliert Hilde Domin sich in irgendwelchen steilen Metaphern und dennoch erscheinen ihre Gedichte nicht schmucklos. Ganz und gar nicht. Sie sind punktgenau und haben immer genau die richtige Länge. Das ist lyrischer Olymp.
Kleine Buchstaben
genaue
damit die Worte leise kommen ... Angst
meine
unsere
und das Dennoch jedes Buchstabens
Diese kleine, energische Frau ist nie auf den Gedanken gekommen, für ihre Kritiker oder gar für Kollegen zu dichten: »Man schreibt nicht für die Welt oder Nachwelt, sondern für sich selber.« Ihre Gedichte sind also keine Begegnungen mit Adressaten, sondern Selbstbegegnungen. Genau so sollte man Gedichte schreiben, um die eigene Persönlichkeit zu intensivieren.
Was ist eigentlich ein Gedicht? Eine Defintion dafür kann man bei Hilde Domin selbst finden: »Ein Gedicht ist ein gefrorener Augenblick, den jeder Leser für sich wieder ins Fließen, in sein Hier und Jetzt bringt.« Hilde Domins Gedichte und Texte haben mich berührt und begleitet, seit ich sie das erste Mal gelesen habe, sind mir schon oft Trost, Stütze und Anregung gewesen, denn ihre »Worte sind reife Granatäpfel, sie fallen zur Erde und öffnen sich« (aus: »Worte«)
Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
ISBN 3100153049, Piper 1987, 422 Seiten, broschiert, € 21,00
rezensiert von Samson am 05.11.2008
rezensiert von Samson am 05.11.2008
