Arnon Grünberg

Der Vogel ist krank

"Der Vogel ist krank." Eines Morgens, es ist noch früh, aber schon drückend schwül, die Hitze von Wochen brütet in der kleinen Wohnung, wird Christian Beck mit diesen Worten von seiner Frau geweckt.

Arnon Grünberg stellt offenbar mit Vorliebe gescheiterte Existenzen in Forme von verkorksten Männern mittleren Alters in den Mittelpunkt seiner Erzählungen. So auch in „Der Vogel ist krank“, dessen deutscher Titel gleich zu Beginn etwas völlig anderes verspricht, als der Leser letzten Endes bekommt. „Der Vogel ist krank“ bezieht sich auf Christian Becks Freundin, die er stets „Vogel“ oder „Vögelchen“ nennt und die ihm direkt auf der ersten Seite eröffnet, dass sie unheilbar krank ist und vor ihrem Tod einen Asylbewerber heiraten möchte, um ihm eine Aufenthaltserlaubnis zu ermöglichen. Dass also dieser Titel sowohl dem Hauptprotagonisten als auch der Zweideutigkeit des niederländischen Titels nicht gerecht wird, liegt daran, dass er sich von Beck als Hauptperson entfernt. Im Original heißt Grünbergs Roman „De asielzoeker“, das, direkt übersetzt, zwar Asylsucher lauten würde, im Deutschen jedoch als „Der Asylbewerber“ übersetzt werden müsste.

Christian Beck war vor vielen Jahren einmal ein recht vielversprechender Schriftsteller, bis er sich dazu entschloss sich aus der Angelegenheit namens Leben heraushalten zu wollen. Er macht viele Spaziergänge, geht im Übersetzen von Gebrauchsanweisungen einer geruhsamen und geregelten Arbeit nach und führt somit ein völlig unauffälliges Leben. Vor ein paar Jahren war er zwar in eine Straftat verwickelt, doch da sich diese im fernen Eilat (Israel) abgespielt hatte und er nicht verurteilt worden war, ließ sich der Zwischenfall gut vertuschen.
Als seine Frau jedoch den Asylbewerber heiratet, gerät Becks ruhiges Leben in Schieflage. Schon immer hat er ihre Bemühungen um andere Menschen missbilligt, erst recht, wenn sie ihn mit einbezogen. Er, der sich den Maskenabreißer nennt, weil er mit Vorliebe seine eigenen Illusionen und die anderer durchschaut, sieht sich plötzlich einer Situation gegenüber, der er nur unzureichend Herr werden kann. Dem Leser erscheint die Beziehung zwischen den Protagonisten und seiner Frau nicht sehr liebevoll, vielmehr halten sie einander.

Einsamkeit teilt man schweigend. Ein gewisser Fatalismus kommt über einen, man weiß, daß die eigene Isolation nicht weiter aufgebrochen werden kann als diese paar Risse, man hat die Grenzen des Sich-Begegnens erreicht, näher wird der andere einem nie kommen, näher ist eine Illusion, näher wäre gefährlich.


Beck ist eigentlich der asielzoeker in Grünbergs Roman. Sein Bestreben lag über so lange Zeit darin dem Leben zu entkommen, unauffällig zu sein, dass er sich den allermeisten seiner Freunde entfremdet hat (die seiner Freundin hat er nie kennengelernt). Mehr noch, man hält ihn für seltsam und nicht ganz geheuer. Und nun plötzlich kommt ein asielzoeker im eigentlichen Sinne daher, nimmt sich Becks Frau und stößt ihn selbst in das Rampenlicht des Lebens zurück, das das Chaos in seinem Inneren gnadenlos beleuchtet.

Auch in „Der Vogel ist krank“ schreibt Arnon Grünberg auf seine ihm eigene schonungslose Art und Weise, die oftmals gerade zu surreal wirkt. Ralf Grüttemeier schreibt in der Metzler „Niederländischen Literaturgeschichte“, dass Grünberg dabei nie beliebig wird und er hat, auch wenn es einem während des Lesens sehr oft nicht so vorkommt, Recht damit. Beispielsweise, als Beck den Asylbewerber nach außen akzeptiert und ihm seine Freundin scheinbar kampflos überlässt, fragt man sich, wie er das geschehen lassen kann.

“Betest du?“ fragt der Asylbewerber.
„Ich muß mich übergeben“, sagt Beck, das Gesicht so weit wie möglich abgewandt, ohne daß es übertrieben unhöflich wirkt. „Aber wenn du dringend aufs Klo mußt, mach ich schnell Platz.“
Beck rutscht weiter Richtung Badewanne, der Asylbewerber stellt sich neben ihn und pinkelt. Beck schließt die Augen, er will das Geschlechtsteil, das eben noch in seiner Frau gesteckt hat, nicht sehen. Damit ist keinem gedient.


Man möchte ihn bei den Schultern packen und schreien „Warum tust du das? Warum hältst du dich aus allem heraus?“. Doch Becks Verhaltensweise ergibt im großen Ganzen einen Sinn. Auch wenn sein In-sich-Gefangensein eigentlich Mitgefühl hervorrufen sollte, wirkt der Protagonist in seinem Tun oft geradezu psychopathisch. Wie auch Jörgen Hofmeester in „Tirza“ ist Beck absolut keine sympathische Person. Arnon Grünberg ist kein Autor, der beschönigt und glättet. Bei ihm finden sich keine Happy Ends und seine Figuren sind oftmals auf morbide Weise lächerlich, doch obgleich man sich mit Christian Beck nicht identifizieren kann und will, bleibt „Der Vogel ist krank“ ein hervorragendes und nachhallendes Buch, bei dem man ständig zwischen Amüsiert- und Irritiertsein schwankt.
ISBN 325723550X, Diogenes 2006, 495 Seiten, broschiert, € 10,90
rezensiert von Juliane am 06.11.2008