Samantha Hunt

Nixenkuss

Der Highway führt von hier aus nur nach Süden, so weit nördlich leben wir.

Irgendwo zwischen dem Leben in einer Kleinstadt, mit der Familie in den Räumen eines alten Seemannsheimes hausen und der unwirklichen, fantastischen Welt einer Nixe, liegt die Welt des 19jährigen Mädchens, um das es hier geht.

Eine verwirrende, verworrene, verschwimmende Geschichte wird hier aufgeblättert und da ist es nicht verwunderlich, dass der Leser sich nicht zurecht findet, nicht immer, aber das ist oft so egal, ob das jetzt Realität oder einfach nur die verschwommene Wahrheit des Mädchens ist, weil sie denkt, sie sei nun einmal eine Nixe und Jude, den sie liebt, dem Meer gewiss, weil er sie nicht heiraten will, nicht einmal lieben will.

"Ein Wort: razbluito. Wir haben keinen entsprechenden Ausdruck dafür, aber ich finde, das sollten wir ändern. [...] Das Wort bedeutet nämlich: 'Was man für jemanden empfindet, den man einmal geliebt hat.'"
"Hass?", sagt Jude.
"Enttäuschung", schlägt meine Mutter vor, ohne von ihrem Buch aufzublicken. [...] Sie liegen alle falsch. Es gibt einen Grund, warum wir kein Wort dafür haben. Wir dürfen die Gefühle für jemanden, den wir einmal geliebt haben, nicht behalten. Wenn wir uns von ihm reingewaschen haben, werden alle Gefühl, wird all das schmutzige Wasser zum Meer hinausgespült. Es gibt für dieses schmutzige Wasser kein Wort. (S. 119)


Das Mädchen erzählt nicht nur ihre manchmal traurige, manchmal verrückte Geschichte, es erzählt auch große Teile, schöne Teile aus dem Leben vom Großvater, einem alten Schriftsetzer, der an seinem Lebenswerk arbeitet, einem allumfassendem Wörterbuch; sie erzählt von Jude, ihrer großen Liebe und dem jungen Mann in ihm, den der Krieg verwundet hat; und sie erzählt von der Mutter, die immer noch ihrem verschwundenen Mann hinterhertrauert und fast akzeptiert, dass ihre Tochter wirklich glaubt, es sei eine Nixe. Fast.

"Oh", sagt sie und ihre Stimme klingt wie die Stimme einer Mutter, deren Tochter gerade etwas zerbrochen hat, etwas aus Porzellan oder Kristall, und die sich alle Mühe gibt, nicht böse zu werden. Doch was für sie in diesem Moment zerbrochen ist, das bin ich. (S. 128)


Das hier ist eine Geschichte, die eigentlich mehr Märchen ist, als Roman. Es wird mit so viel Phantasie und Liebenswürdigkeit von diesem Mädchen erzählt, von ihrem Leben, dass man sich am liebsten gleich das nächste Buch der Autorin greifen mag. Schade nur, dass es auf Deutsch noch keines gibt.

Samantha Hunt schafft es in diesem Buch, das ein oder andere Mal ein paar geschickte Sätze einfließen zu lassen und das alles auch noch gut zu verpacken, aber es ist nicht einmal so sehr die Sprache, die fesselt, eigentlich ist nur: Die Geschichte. Diese großartige Geschichte, in die man eintaucht, um am Ende mit dem Mädchen ins Meer zu gehen.
ISBN 3936384975, Wagenbach 2006, 216 Seiten, gebunden, € 8,95
rezensiert von Diana am 21.11.2008