Thommie Bayer
Singvogel
Wie schnell sich doch die Dinge ändern. Vor weniger als drei Wochen war ich noch ein zufriedener Pessimist in einem aufgeräumten Leben, der glaubte, sich zu kennen, und nicht wusste, dass man auch verlieren kann, was man nie besaß.
Mit Vögeln im Allgemeinen und Singvögeln im Speziellen hat dieser Roman genau genommen nicht viel zu tun: Thommie Bayer hat hier ein Buch vorgelegt, das im Nachhinein gar nicht so leicht daherkommt, wie ich zuerst dachte.
Erzählt wird die quasi-Liebesgeschichte zwischen Christian und Jana – ersterer ist ein 50-jähriger Drehbuchautor, letztere eine Kunststudentin. Jana schreibt Christian eine E-Mail, um ihn zu einem Film zu beglückwünschen, die beiden finden sich gegenseitig nicht ganz unsympathisch und es dauert nicht lang, bis ihre Themen privater und vertraulicher werden.
Jana hat einen Freund, der von der ganzen Sache weniger begeistert ist – es kommt soweit, dass sich die beiden trennen und Sebastian in seiner rasenden Wut sowohl Jana als auch Christian zu boykottieren und tyrannisieren beginnt. Als Jana dann spontan nach Venedig fährt, nimmt Christian sich ein Herz und reist ihr nach, um ihr dort – ganz und gar zufällig! - über den Weg zu laufen. Sein Plan geht allerdings nicht auf, er tritt Hals über Kopf die Rückfahrt an, um, zurück in Deutschland, endlich doch noch auf Jana zu treffen, die sein Leben dann endgültig auf den Kopf stellen wird.
Sprachlich gibt es hier nicht viel mehr zu holen als ein wenig wohltuende Einfachheit und manchmal eine bissige Bemerkung oder einen lockeren Seitenhieb. Das ist aber nicht weiter wild, denn Thommie Bayer erzählt lieber unübertrieben und klar, statt sich lange mit Details aufzuhalten. Dabei gelingt es ihm beispielsweise allein durch die E-Mails, Jana von Anfang an ein Gesicht zu geben, sodass man dann zum Ende hin, wenn sie auftritt, das Gefühl hat, sie sei schon die ganze Zeit über da gewesen.
Ein bisschen turbulent geht es dann schließlich zu auf den letzten Seiten, ein wenig zu überhastet, hatte ich das Gefühl; für den Schluss hätte man sich ohne Weiteres noch eine Prise mehr Zeit nehmen können.
Alles in allem ist »Singvogel« eine Geschichte, der man nur schwer einen Stempel aufdrücken kann; es ist de facto keine Liebesgeschichte und ist es gleichzeitig doch wieder zu sehr, um keine zu sein.
ISBN 3492047483, Piper 2005, 202 Seiten, gebunden, € 16,90
rezensiert von Alex am 20.11.2008
rezensiert von Alex am 20.11.2008
Ich habe von Thommie Bayer bisher zwei andere Bücher gelesen; Das Aquarium und Der Langsame Tanz. Wenn ich hier deine Rezension lese, dann habe ich das Gefühl, dass es sich bei diesem Buch genau so verhält wie bei den beiden Anderen... Es scheint, als ob Bayer jedes Mal wieder die gleiche Geschichte nochmal erzählen würde. Und immer diese Sache mit dem Ende, dem hektischen Ende. Im Aquarium: Das viel zu laute Ende. Aber das Buch war auch davor schon abgedriftet gewesen; zu viel Dinge, die der Phantasie überlassen werden sollten, wurden ausformuliert. Ich mag die Art, wie natürlich Bayer die elektronische Kommunikation in seine Geschichten einbaut, und ich mag auch die Grundidee(en), aber ich mag nicht, dass er sie ständig nur wiederholt, und jedes Mal das Ende vermasselt. (Bücher sollen nicht einfach so, ohne Motivation, Krimis werden wollen...)
Kommentar von Vera am 20.11.2008
Na ja, unterm Strich war das zwar ein ganz nettes Buch für zwischendurch (das unliebsame Standardurteil ..), aber eben auch nichts, was jetzt unbedingt Lust auf mehr machen würde.
Dazu war's mir dann insgesamt doch zu unspektakulär.
Kommentar von Alex am 20.11.2008
Witzig, erst neulich hatte eine Freundin mir von dem Buch erzählt (sie war schwer begeistert) und schilderte mir ausführlich die Handlung. Ich hatte das Gefühl, es handelt sich doch sehr um einen "Homo Faber"-Verschnitt, oder? Also zumindest rein von der Grundidee... sollte das so sein, bleibe ich lieber beim Original.
Kommentar von Florian am 06.12.2008
