Juli Zeh
Spieltrieb
Was, wenn die Urenkel der Nihilisten längst ausgezogen wären aus dem staubigen Devotionalienladen, den wir unsere Weltanschauung nennen?
Im Jahr 2002 kommt Ada auf eine neue Schule; das Mädchen ist hochintelligent und aus Gründen, die im Text näher erläutert werden, von der alten Schule verwiesen worden. Sie kommt in die 10. Klasse auf die Ernst-Bloch, eine Privatschule. Zum Beginn des nächsten Schuljahres dann kommt Alev neu auf die Schule; er und Ada besuchen gleiche Kurse - die Leistunkskurse Deutsch, unterrichtet von Smutek, und Geschichte, unterrichtet von Höflinger, genannt Höfi.
Und im Jahr 2004 ist so vieles geschehen - ein Mensch ist gestorben, ein anderer wurde erpresst, und für die Beteiligten war das - ein Spiel.
Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung; und hier setzt der Roman an.
Was, wenn die Urenkel der Nihilisten längst ausgezogen wären aus dem staubigen Devotionalienladen, den wir unsere Weltanschauung nennen? Wenn sie die halb leergeräumten Lagerhallen der Wertigkeiten und Wichtigkeiten, des Nützlichen und Notwendigen, Echten und Rechten verlassen hätten, um auf Wildwechseln in den Dschungel zurückzukehren, dorthin, wo wir sie nicht mehr sehen, geschweige denn erreichen können? Was, wenn ihnen Bibel, Grundgesetz und Strafrecht nie mehr gegolten hätten als Anleitung und Regelbuch zu einem Gesellschaftsspiel?
Was für ein Auftakt; Vielleicht kann die Geschichte, die dem folgt, dann nur noch nachlassen? Wobei das zu hart ist; zwar wirkt der Plot dermaßen konstruiert, dass es manchmal wirklich etwas anstrengend ist, beim Lesen dabei zu bleiben, aber immer wieder tauchen sprachlich brillante Stellen auf, und auch sonst ist der Schreibstil von Juli Zeh in diesem Buch so herrlich unprätentiös, dass man zumeist gerne weiterliest. Und etwas Spannung stellt sich ab und an auch ein, dies ist nicht zu leugnen.
"Wann wirst du lernen, den Inhalt vor der Form zu schätzen?"
"An dem Tag, an dem der Inhalt lernt, ohne Form zu existieren."
Was stört - ist die Überladenheit an Hinweisen, die die Handlung zeitlich verankern; Verweise auf Evanasence, Matrix und dergleichen mehr, heuer (2009) kaum mehr von Relevanz, lesen sich rückblickend leicht lächerlich. Die Verweise auf andere, auch eigene Werke hingegen sind wunderbar subtil und doch deutlich erkennbar eingewoben - würde ich Romane schreiben, würde ich es auch so machen wollen.
Dann frage ich mich - soll mich das Buch betroffen machen? Die Problematik, die sich schon bei Adler und Engel auftat, auch hier: ich kann so einiges mit dem Text anstellen in meinem Hirn, aber es macht wenig, geradzu nichts mit mir.
Dennoch - alles in allem bleibt weniger schaler Nachgeschmack zurück als bei Adler und Engel; Es mag an der Form, der Sprache liegen und an den glaubwürdigeren Charakteren, die nicht mehr so sehr Abziehbildern gleichen (und schönere Namen haben sie obendrauf). Lesenswerter ist Spieltrieb also in jedem Fall; Ob lohnenswert - sei jedem selbst überlassen.
Der Blaue Himmel ist zum farbigen Pappdeckel einer Spielesammlung geworden. Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht - erst recht.
ISBN 3442733693, btb 2006, 566 Seiten, broschiert, € 10,00
rezensiert von Vera am 07.03.2009
rezensiert von Vera am 07.03.2009
Vielleicht ohne großen Sinn, aber diese wunderbare Sprache!
Kommentar von Diana am 15.03.2009
