David Schumann
The Tokyo Diaries
Bisher kannte ich Japan nur aus Filmen und Dokumentationen. Autor David Schumann hat meinem Wissen jetzt ein weiteres Kapitel hinzugefügt. Es ist natürlich ein rein subjektives Kapitel, denn Schumann berichtet in seinem Buch »The Tokyo Diaries« über seine ganz eigenen Erfahrungen, die er als Japanologie-Student in Tokio gemacht hat. Als Europäer mit Tattoos ist es anfangs schwierig für ihn Fuß zu fassen. Doch durch die Uni lernt David Leute kennen, spielt bald schon in zwei Bands, findet Nebenjobs und wird letztendlich zum gefragten Model - eben wegen seiner Andersartigkeit. Die Geschehnisse hat Schumann in Form eines Tagebuchs aufgezeichnet. Er beschreibt seine Höhen und Tiefen, seine Auseinandersetzungen mit dem Gastvater, die Suche nach der richtigen Frau ...
Zu diesem Thema ein Textauszug:
Man führt uns in eine Zweierkabine, bringt uns das Menu, und während ich Bier bestelle, ordert sie einen Salat. Mein Problem ist bloß, dass ich ebenfalls super Hunger habe, hab ja nichts gegessen, weil mir den ganzen Tag schlecht vor Aufregung war, allerdings nach wie vor viel zu nervös bin, um das jetzt nachzuholen, was darin resultiert, dass ich viel zu viel Bier auf vollkommen nüchternen Magen trinke und im Handumdrehen komplett besoffen bin, was ihr natürlich auffallen muss, denn sie hat ja nichts getrunken. Also versuche ich, so nüchtern wie möglich zu wirken, was in den komischsten linguistischen Verrenkungen meinerseits resultiert, denn ich tue ja so, als sei jeder Fehler, jedes Lallen irgendwie Absicht und so geplant, und manövriere mich damit in Teufels Küche, und zwar direkt auf den Herd. Aber Azusa scheint eher amüsiert zu sein, denn wenn japanische Frauen eins von der Pike auf gelernt haben, dann, mit alkoholisierten Vollidioten klarzukommen, und sie ist wirklich hervorragend darin, ich bin 2 Mal kurz davor, vor ihr auf die Knie zu fallen und ihr meine ewige Liebe zu gestehen, kann mich wirklich gerade noch so bremsen, und als sie mich fragt, ob ich noch laufen kann (!), als ich aufstehe, um zum Klo zu gehen, und dabei erst mal aus Versehen den halben Vorhang abreiße, entscheide ich, dass das eben mein letztes Bier war. Wir sitzen noch lange auf unseren Plätzen, zeigen uns Fotos auf unseren Handys, und ich weiß selbst nicht mehr, ob es der Alkohol oder einfach nur die Erfüllung in ihrer Gesellschaft ist, aber ich erzähle ihr die komplette Geschichte meines Lebens, die frühen Loser- und Drogenjahre, die Selbstläuterung durch Straight-Edge, die Bands, die Politik, den Veganismus, einfach alles, eigentlich viel zu viel und viel zu früh, aber ich kann mich einfach nicht bremsen, es ist einfach viel zu gut mit ihr.
David hat zu kämpfen. Findet er sich in Tokio zunehmend zurecht, klappt es mit den Frauen nicht so gut - steht sich dabei aber auch selbst im Weg. Erst, als er durch Zufall als Model entdeckt wird, stoßen seine Bemühungen auf fruchtbaren Boden. Trotz seines Aufstiegs bleibt David auf dem Teppich, nimmt das Modelbusiness nicht allzu ernst und verbringt seine Zeit weiterhin mit seinem Studium, seinen Freunden, einer Menge Alkohol und seiner Musik.
»The Tokyo Diaries« von David Schumann lebt vor allem vom Gegensatz zwischen einem deutschen Punk und der japanischen Kultur. Ein gutes, ungewöhnliches Buch, das durch seine relativ kurzen Einträge gut zwischendurch gelesen werden kann.
[Rezension von Florian Heiser]
ISBN 3941376012, dtv 2009, 300 Seiten, broschiert, € 16,90
rezensiert von Gast am 17.03.2009
rezensiert von Gast am 17.03.2009
