Rabea Edel
Das Wasser, in dem wir schlafen
Meine Schwester wurde auf einem Autobahnrastplatz zwischen zwei halbabgeernteten Weizenfeldern unter den von Vögeln schweren Kabeln der Starkstrommasten gezeugt, die Handbremse scheuerte in Mutters Rücken ein rotes Mal...
»Das Wasser, in dem wir schlafen« ist eine Geschichte, die beginnt mit einer Erzählung. Da erzählt ein Mädchen wie ihre Schwester gezeugt wurde, in einem Auto auf einem Autobahnrastplatz zwischen zwei Feldern, während das Mädchen unter einem Baum saß und wartete. Das Mädchen ist drei oder vier und eigentlich kann sie sich nicht daran erinnern, sie kann gar nicht wissen, was damals passiert ist und sie sagt, sie weiß es nicht, ihre Schwester, Lina, hat es ihr erzählt. Diese Schwester, die gerade in dem Moment gezeugt wurde. Und das Mädchen erzählt weiter, vom Heranwachsen und Nacheifern und Einkapseln und Verlassenwerden von der Mutter und alles ist irgendwie ganz fremd, eigentlich gibt es nur Lina und ihre Schwester und ganz viel Nackheit, immer ziehen sich alle aus und steigen sogar nackt auf Dächer und beide Schwestern erzählen vom Sex ihrer Eltern, der ihnen so leicht über die Lippen kommt, als wäre es ihr eigenes Sexleben.
Das Mädchen erzählt und während sie von Gregor immer wieder unterbrochen wird, dem Mann, der neben ihr sitzt, während sie erzählt, und bei dem sogar schon am Anfang klar ist, dass sie ihn liebt, irgendwie, da hat man das Gefühl, dass sie, wenn sie von ihrer Schwester redet, von einer Toten spricht. Und zuerst ist es, als wäre Gregor ihr Freund und sie erzählt ihm ihre Kindheit und Linas, was ja immer zusammengehört hat, aber mit jedem Wort, dass sie spricht merkt man auch, dass alles ganz anders ist und Gregor nicht ihr Freund ist, Gregor ist jemand anderes, der einmal ihr Freund war, bevor Lina sich in den Kopf gesetzt hat, alles haben zu wollen, was ihre Schwester auch hat.
Ich konnte ihr damals nicht sagen, dass es am Anfang einen Moment gegeben hatte, in dem ich mich und Gregor gefühlt hatte, und dass dieser Moment jetzt für mich ausreichen musste, weil alles, was danach kam, nicht mehr nur mit Gregor und mir zu tun hatte, sondern immer mit Gregor und Lina und dann erst mit mir.
Und so nah sich die Schwestern am Anfang auch waren, während Gregor immer mehr Zeit mit der Ich-Erzählerin verbringt und die alles von ihm behalten will, alles alleine haben will und nicht teilen, so seltsam diese Beziehung mit Gregor auch ist, da entfremden sich die Schwestern. Und während Lina doch eigentlich nur versucht, ihrer Schwester näher zu sein, zerstört sie ihre Beziehungen auf eine seltsam entrückte Art.
Ich habe immer gedacht, es gäbe etwas Letztes, Innerstes, das wir für uns behalten würden. Aber entweder gab es das nicht, oder Lina scherte sich nicht darum. Sie kratzte alles aus sich heraus, sie stülpte sich nach außen, und ich versuchte mich über Gregor mit diesem letzten Rest von ihr aufzufüllen, um ihr nah zu sein.
Rabea Edel schreibt, als wäre sie ganz weit weg und würde die ganze Geschichte nur aus dem Hintergrund betrachten, sie ist nicht mittendrin, niemand ist mittendrin, nicht einmal die Protagonisten, die vielleicht sogar am Wenigsten. Es scheint alles ganz verschwommen und versteckt in den Köpfen, als wollte sie es erst gar nicht herauslassen. Und dennoch, es ist eine gute Geschichte; auf knapp 160 Seiten wird eine Lebensgeschichte erzählt.
ISBN 3442736943, btb 2008, 160 Seiten, broschiert, € 7,00
rezensiert von Diana am 21.09.2009
rezensiert von Diana am 21.09.2009
