Dieter Noll
Die Abenteuer des Werner Holt
Der Wecker rasselte. Werner Holt schreckte aus dem Schlaf, sprang aus dem Bett und stand ein wenig taumelig im Zimmer. Er fühlte sich nicht erfrischt, sondern matt und benommen. Sein Kopf schmerzte. In einer Stunde begann der Schulunterricht.
Die letzten Schulwochen. Die immer dreisteren Streiche gegen die Schule und deren Pauker knüpfen starke Bande zwischen Werner Holt, Gilbert Wolzow, Sepp Gumolka. Der nahende Einberufungsbefehl zum Flakhelfer lässt die Furcht vor Konsequenzen schwinden. Die Jungen sehen sich als angehende Helden, die in den Krieg ziehen für Deutschland, für eine Sache, die sie auswendig gelernt, völlig in sich aufgesogen aber nie verstanden haben.
Holt pflegt seine vermeintlichen Tugenden, ist, gerade im Gedanken Frauen gegenüber, in sich gekehrt, nachdenklich. Wolzow hingegen stammt aus einem alten Offiziersgeschlecht und nimmt den sich inzwischen wendenden Krieg zum Anlass, diese Linie weiterzuführen. Diese beiden treten das erste Mal in einen Konflikt, als sie von einer Vergewaltigung eines Mädchens durch den HJ-Führer hören und diese durch ein erpresstes Geständnis rächen. Doch sind die Zweifel durch die folgende Ausbildung zum Flakhelfer wie weggeblasen, jetzt wird gekämpft, jetzt erhalten sie die Feuertaufe, werden zu Helden für Deutschland.
Erste Begegnungen mit Kriegsgefangenen, die von der SS malträtiert werden, eine Affäre mit einer Offiziersfrau, die kein gutes Wort für ihren an der Ostfront stehenden Mann übrig hat und der Besuch bei seinem Vater, der als Chemiker sich weigerte, für die Nazis zu arbeiten und daher Repressalien zu ertragen hatte, lassen den blinden Stolz des Werner Holt nur noch stärker werden. Es kann nicht sein, was nicht sein darf - bis der erste Kamerad fiel. Hatte einer der Zweifler vielleicht doch Recht? Zum ersten Mal taucht hier der Begriff Schicksal auf. Das Schicksal des Einzelnen für das Schicksal Deutschlands, doch niemand sagte, was das Schicksal ist.
Die Kriegsjahre und die militärische Ausbildung ziehen dahin. Bei einem Einsatz ermöglicht Holt zwei Zivilisten die Flucht. Er empfand es als Unrecht, dass sie erschossen werden sollten, weil das Mädchen aus Angst vor einer Vergewaltigung einen Unteroffizier erschlug. Einige Wochen später entdecken sie in einem von der SS zuvor geräumten Dorf eine entsetzlich zugerichtete Leiche und begreifen, dass sie diesen Ort unbedingt halten müssen, weil die Rache der anrückenden Gegner furchtbar sein wird. Holt bemerkt aber auch, dass er hier in diesem Dorf für etwas kämpft, was nicht das seine ist. Aus dieser Mischung aus schwindender Überzeugung und Ratlosigkeit entwickelt sich ein naiver Gedanke: »Einen imaginären Punkt suchen, festklammern mit dem Blick ... und vorwärts marsch!«
Vorwärts bedeutet Rückwärts, denn es ist der letzte Kriegswinter. Wolzow verroht zusehends, während Gumolka und Holt ihre Zweifel ebenso wie ihre Ratlosigkeit pflegen, bis, russische Soldaten stehen schon an der Oder, Gumolka desertiert. Eine schon zuvor wahrgenommene Entfremdung der einstmals guten Freunde Wolzow und Holt nährt sich zunehmend. Inzwischen zum Unteroffizier befördert, erschießt Wolzow im April 45, als nur noch eingeschüchterte Kinder und der Volkssturm unter Waffen waren, einen ihm Untergebenen, weil er nicht ehrenhaft gekämpft haben soll. Jeder spricht es nun offen aus, machen wir Schluss, es hat keinen Sinn mehr. Erst hier begreift Holt, was ihm in den Jahren zuvor eingetrichtert wurde. Jetzt versteht er, was das Schicksal ist und begeht die vielleicht einzige heldenhafte Tat in diesem Krieg.
Dieter Nolls Roman einer Jugend berichtet aus einer Zeit, die den meisten Lesern unbekannt sein sollte. Sprachlich wie inhaltlich bleibt er dabei auf dem Teppich. Dieses Buch – es liest sich. So gut wie nie ist man gefordert, einer sprachlichen Raffinesse folgen zu müssen, einer gedanklichen Tiefe aber ebenso wenig. Was auf den ersten zehn Seiten noch als angenehmer Vorteil wahrgenommen wird, entwickelt sich im weiteren Verlauf immer mehr zum Handicap. Man rast durch die Geschichte und die Ereignisse und passt man nicht auf, dann verpasst man den seltenen Moment, wo man anhalten, innehalten sollte, um sich umzuschauen und das Gelesene zu überdenken. Werner Holt, der Gedanken- Handlungs- manchmal Sympathieträger fliegt ebenso über die Ereignisse. An so mancher Stelle, scheint es dem Leser, als würde hier ein innerer Monolog oder ein Gedankenspiel fehlen, eine Reflexion. Doch es wird stoisch weitermarschiert. So gilt das Zitat: »Einen imaginären Punkt suchen, festklammern mit dem Blick ... und vorwärts marsch.« synonym für das gesamte Buch.
Zum Ende hin setzt sich jedoch die Frage fest: vielleicht erwartet man als aufgeklärter und in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges durch die Schule gelehrter Mensch und vor der eigenen historischen Verantwortung auch mehr? Mehr in Richtung des eigenen Standpunkts, den man fast zweifelsfrei als den Richtigen hinzustellen neigt. Aber vielleicht war da auch nicht mehr gewesen. So sind die Abenteuer des Werner Holt eine durchaus spannende Lektüre, wer das Genre mag. Wer jedoch einen tieferen, weiterführenden Sinn sucht, muss sich sehr anstrengen und je nach eigener Auslegung wird er mitunter doch nicht fündig.
[Rezension von Matthias Tuta]
ISBN 3746610435, Aufbau-Verlag 2008, 544 Seiten, broschiert, € 10,00
rezensiert von Gast am 26.02.2010
rezensiert von Gast am 26.02.2010
