Gabriel García Márquez
Hundert Jahre Einsamkeit
Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Bundia sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennen zu lernen. Macondo war damals ein Dorf von zwanzig Häusern aus Lehm und Bambus am Ufer eines Flusses mit kristallklarem Wasser, das dahineilte wie ein Bett aus geschliffenen Steinen, weiß und riesig wie prähistorische Eier. Die Welt war noch so jung, dass viele Dinge des Namens entbehrten, und um sie zu benennen, musste man mit dem Finger auf sie deuten.
Manchmal liest man ein Buch, das nimmt einen mit. Man saugt es auf, kuschelt sich darin ein, nimmt es mit ins Bett und steht deswegen später auf. Ein neues kleines Universum wird dem inneren Bestand an Universen hinzugefügt, man wird reicher, man wächst. Hebt man die Augen nach der letzten Zeile, ist alles umgestellt, entfremdet. Wo bin ich gewesen? Was ist passiert? Manchmal liest man so ein Buch ...
Es ist ein ganz erstaunlicher, geheimnisvoller und faszinierender Roman, den uns der aus Kolumbien stammende Schriftsteller García Márquez (*1928), also wieder einer aus den vielgerühmten Reihen südamerikanischer Schriftsteller der Gegenwart, im Jahre 1967 vorgelegt hat. Liest man ihn mit Lust an der Allegorie und am Gleichnishaften, so entdeckt man eine beeindruckende Geschichtstiefe, eine selten erreichte historische Bedeutungsdimension, welche die (Patho-)Genese eines ganzen Kontinents zu umfassen imstande ist.
Das Werk mit dem wunderschönen Titel ist ein Familienepos über ganze sechs Generationen, welches dem Leser die kostbare Möglichkeit bietet zu verstehen, was das ist: Geschichte.
Wir erleben Aufstieg und Fall des Bundia-Clans in Krieg und Frieden, Reichtum und Armut, Geburt und Sterben. Und immer dann, wenn man glaubt, nun sei nach den zahllosen Wirren ein stabiler Zustand erreicht, eine Art Geschichtsende, wälzt sich alles von innen oder außen her erneut um. Dieses »Innen« nun sind die Menschen und ihre Seelenzustände: Ängste, Träume, Wünsche und Ideale - kurz: das volle Set der menschlichen Emotionen und Ideen. Das »Außen« enthält die groben Entwicklungszüge des lateinamerikanischen Kontinents des letzten halben Jahrtausends von der Entdeckung und Kolonialisierung über Bürgerkriege, Industrialisierung, den Imperialismus und Neoimperialismus bis hin zur post-heroischen Jetztzeit. Nahezu den ganzen Roman, viele Jahrzehnte Romanzeit über, wird ausschließlich das Dorf Macondo, welches von den Ahnherren der Familie Bundia auf der Flucht vor der eigenen Geschichte gegründet wird, wie mit einer starren Kamera fixiert. Immer wieder bricht die Flut der Geschichte aus der restlichen Welt über Macondo herein und hält Menschen wie Dinge in Bewegung. Man sollte meinen, die Lektüre eines solchen Großwerkes - welches auf mehreren Ebenen gleichzeitig spielt, sich eines reichen Figurenensembles bedient und zudem noch phantastische Historie ist - müsse eine sehr schwere sein. Das Wunderbare aber ist die fast unerträgliche Leichtigkeit, mit der sich all dies auf einmal vor unseren Augen vollzieht. »Vor unseren Augen« impliziert schon die hohe Plastizität, die Lebendigkeit, den Bilderreichtum, welcher diesem Roman zu eigen ist und durch den er uns Leser ganz in seinen Bann zu ziehen vermag.
Das Genre »Magischer Realismus«, in welchem der Text abgefasst ist und als dessen Meister sich Márquez rühmen kann, flicht in eine realistisch erzählte Geschichte phantastische, übernatürliche Elemente ein, die immer wieder verstören, befremden - und uns zu Deutungen dieser Metaphorik zwingen. Wenn es möglich ist, dass ein Mädchen sich von Erde ernährt oder eine ganze Dorfgesellschaft über einen Zeitraum vieler Monate des Schlafes entbehren muss, wenn eine Frau von solcher Schönheit sein kann, dass diverse Männer bei ihrem bloßen Anblick dem Wahnsinn verfallen, schließlich sterben und die Schöne wie eine halbmythische Gestalt zum Himmel auffährt ohne dass man sich als Leser kopfschüttelnd an derlei Albernheiten stört - wenn all das möglich ist, dann haben wir es mit einem brillanten Erzähler zu tun, der sich zudem noch in den Räumen unserer fast endlosen Vorstellungskraft ortskundig heißen kann. In seinen stärksten Momenten schafft es dieser große, dieser tiefe und einsichtsreiche Roman, uns genau an die Grenze des Denk- und Vorstellbaren zu führen und lässt uns auf diese Weise viele Dinge über den Lauf der Welt und die Stellung des Menschen in ihr erkennen.
»Hundert Jahre Einsamkeit« ist ein veritables Meisterwerk des 20. Jahrhunderts. Sein Schöpfer zählt zu den Großen seines Fachs und erhielt daher auch 1982 die größtmögliche Auszeichnung, den Literaturnobelpreis für »seine Romane und Erzählungen, in denen sich das Phantastische und das Realistische in einer vielfacettierten Welt der Dichtung vereinen, die Leben und Konflikt eines Kontinents widerspiegelnn«.
Jedem, der gerne den Freuden des Lesens als einer Hinwendung zur Welt, als einer Erfahrung deutlicherer Wirklichkeit fröhnt, dem sei dieser Roman empfohlen, denn dieses Buch fasst jeden an.
[Rezension von Richard Prußas]
ISBN 9783596162505, S. Fischer 2004, 480 Seiten, broschiert, € 9,95
rezensiert von Gast am 29.06.2011
rezensiert von Gast am 29.06.2011
