Paulo Coelho

Veronika beschließt zu sterben

Am 11. November 1997 entschied Veronika, jetzt sei es - endlich - an der Zeit, sich das Leben zu nehmen. Sie machte ihr Zimmer sauber, das sie in einem Kloster gemietet hatte, stellte die Heizung ab, putzte die Zähne und legte sich aufs Bett.

Eines Morgens beschließt Veronika sich das Leben zu nehmen. Sie schluckt vier Schachteln Schlaftabletten. Die Gründe für ihren Selbstmord klingen absurd: Ihr Leben langweilt Veronika, sie hat sich so sehr an Gewohnheiten gekettet, dass sie denkt, nicht mehr ausbrechen zu können. Außerdem fühlt sie sich angesichts des Übels in der Welt ohnmächtig.
Veronika überlebt den Selbstmordversuch und wird in Villete eingeliefert, einer „berühmt-berüchtigten Klinik für Geisteskranke“. Dort wird ihr gesagt, sie habe nur noch etwa eine Woche zu leben. In dieser Woche lernt sie unter anderem Zedka und Eduard kennen, mit deren Hilfe sie lernt, dass Verrücktheit etwas „normales“, ja sogar wünschens- und lebenswertes ist.
„Ach, könnten doch alle Menschen ihre innere Verrücktheit kennenlernen und mit ihr leben! Wäre die Welt deswegen schlechter? Nein, die Menschen wären gerechter und glücklicher.“

Diese Ansicht begründet Coelho unter anderem mit esoterischen Elementen, die vollkommen fehl am Platz wirken. So gibt es innerhalb Villetes eine Bruderschaft, die mit Hilfe eines Sufi-Meisters versucht, die Erleuchtung zu finden. Und Zedka nutzt die zu Therapiezwecken eingesetzten Insulinschocks als Hilfsmittel zur Astralreise. Natürlich hilft dies alles dabei, das wahre Ich zu finden.
„Bleibt verrückt, doch verhaltet euch wie normale Menschen. Geht das Risiko ein, anders zu sein, doch lernt dies zu tun, ohne die Aufmerksamkeit auf euch zu lenken. Konzentriert euch auf diese Blume und laßt zu, dass euer wahres Ich sich manifestiert.“

Seine eigene Verrücktheit zu finden und mit ihr zu leben ist also der Schlüssel zu einem glücklicheren Leben. Wer in Villete war, hat das Recht, verrückt zu sein.
„Wenn jemand mir zu sehr auf die Nerven geht, werde ich irgend etwas Unmögliches sagen und mich nicht darum scheren, was die anderen denken, denn alle werden ja sagen: Die war in Villete!“

Natürlich ist daran etwas wahres, denn jeder würde gerne ungezwungen die eigenen Verrücktheiten ausleben. Paulo Coelho stellt jedoch keine Lösungen in Aussicht. Wer von uns kann schon behaupten, einen Selbstmordversuch aus Langeweile hinter sich zu haben? Und wer von uns war je in Villete?

Was noch mehr nervt als die Rede von Verrückheit (und Sexualität) ist die durchgehende Selbstdarstellung Coelhos. Nach dem Lesen dieses Romans fühlt man sich betrogen. Was dort erzählt wurde, ist nicht die Geschichte Veronikas, sondern eine Rechtfertigung Coelhos, der seine Kindheit aufarbeiten und Spiritualität verbreiten will.
Bereits auf der ersten Seite erwähnt sich Coelho nebenbei selbst. Das dritte Kapitel handelt nur von ihm und stellt dar, wie er von Veronikas Schicksal erfahren hat. Eduard scheint eine Verkörperung des jüngeren Coelho zu sein: Beide wurden von ihren Eltern dreimal in eine psychatrische Anstalt eingewiesen, beide wurden dort mit der Elektrokrampftherapie behandelt. Ein ganzes Kapitel widmet sich der Geschichte Eduards, die verdächtig an Coelhos Biographie erinnert.

Auch die Sprache lässt nichts zartes oder poetisches, wie auf dem Buchrücken angekündigt, erkennen. Teilweise mag es an der Übersetzung liegen, doch die Sprache klingt holprig und hart, Worte reihen sich vollkommen poesielos aneinander, die Dialoge wirken unnatürlich, teilweise konstruiert.

Alles in allem kann ich nicht nachvollziehen, weshalb dieser Roman ein Bestseller wurde. Rainer Just beschreibt es hier sehr treffend: „Was Coelhos Leser so maßlos begeistert, ist die unterschwellige Bejahung des kapitalistischen Zwangssystems in der scheinheiligen Rede von Spiritualität und religiöser Erleuchtung.“
ISBN 3257233051, Diogenes 2002, 224 Seiten, broschiert, € 8,90
rezensiert von Anna K. am 06.01.2008
Hui, dazu möchte ich etwas sagen. Erstens: Bitte nicht den Autor, also Paulo Coelho, mit dem lyrischen Ich, das die Geschichte erzaehlt durcheinanderbringen. Es handelt sich lediglich um das lyrische Ich, das die Geschichte Veronikas erzaehlt, von Selbstdarstellung kann ich da wenig erkennen. Coelho erwaehnt in keinem einzigen Satz wie toll er selbst ist o.ä. Was ist schlimm daran, dass die Geschichte aus der Sicht eines Dritten erzählt wird, der die Geschichte fuer Veronika erzählt? Abgesehen davon fand ich es beispielsweise sehr interessant, Parallelen zwischen dem Autor und dem lyr. Ich zu entdecken, das hat fuer mich auch wenig mit Selbstdarstellung zu tun. Es spricht doch nichts gegen eine Aufarbeitung Coelhos Kindheit. Was die Sprache angeht kann ich mich anschliessen, sie ist nicht ueberaus poetisch, aber dennoch fand ich das Buch schoen und fluessig zum Lesen. Die Geschichte ist interessant und Coelhos Buecher enthalten sehr viel Tiefgang, sehr viel Verborgenes, das sich auf den ersten blick nicht erkennen laesst. Beschaeftigt man sich genauer mit der Botschaft des Buches, dann hat es den Titel Bestseller durchaus verdient. Ich fand es sehr sehr gut. Kommentar von Lisa am 22.09.2008