Wladimir Kaminer
Mein Leben im Schrebergarten
Es mag banal klingen, ist aber wahr: Unser wertvollstes Gut sind unsere Erinnerungen. Ohne sie sind wir bloß Gemüse, unfähig zu denken und zu handeln.
Mein erstes Buch von Wladimir Kaminer fand ich auf dem Empfehlungstisch unserer Stadtbibliothek: » Russendisko «. Der Klappentext war ganz amüsant. Ich beschloss es auszuleihen. Zwei Tage lang litt ich unter Bauch– und Kieferschmerzen, verursacht von lautem, schallendem und hemmungslosem Lachen.
Das ist schon einige Jahre her, es folgten viele weitere Bücher Kaminers und die meisten waren witzig-charmant. Der russischstämmige Autor ist vielleicht einer der besten Geschichtenerzähler der deutschen Literaturszene; immer wieder entlockt er dem alltäglichen Geschehen Kurioses, ob er nun von großen politische Themen, den Penner an der Ecke oder seiner Katze Dostojewski schreibt.
Sein neustes Werk, » Mein Leben im Schrebergarten «, erwartete ich mit Spannung und legte es ernüchtert aus der Hand.
Familie Kaminer hat das Stadtleben gehörig satt, sie sehnt sich nach idyllischer Natur, selbst geerntetem Obst und frischem Gemüse aus eigenem Anbau. Da ein Ortswechsel auf das brandenburgische Land für die Familie nicht in Frage kommt, pachten sie eine Gartenparzelle in der Schrebergartensiedlung » Glückliche Hütten «. Kaminer muss aber erkennen, dass das Gärtnerleben nicht nur aus Grillfesten und schicken Gartenmöbeln besteht, sondern – wie fast alles in Deutschland – einer gesetzlichen Grundlage untersteht.
Nach der Lektüre der rechtlichen Vorschriften des Bundeskleingartengesetzes (BKleinG), der Baumschutzverordnung (BsV), des Kreislaufswirtschaftsgesetzes (KwG) sowie des Abfall– und Biotoilettengesetzes (BioAb) wurde mir klar, dass wir innerhalb von nur zwei Monaten gegen so ziemlich alle Paragraphen der in Deutschland bestehenden Gartenordnung verstoßen hatten. Zu unseren Verbrechen gehörten unter anderem Ruhestörung, verbotenes Anpflanzen von Hecken zwischen den Parzellen und die vorsätzliche Anschaffung nicht zulässiger Pflanzen. Es gab kaum ein Verbot, das wir nicht übertreten hatten, außer vielleicht das zur Haltung von Großvieh in Kleingartenanlagen. Wir wären einem derartigen Vieh gegenüber allerdings nicht abgeneigt. Ich hätte sehr gern eine Kuh bei uns in den Garten gestellt, wenn man sie bei Obi günstiger kaufen könnte.
Ja, Herr Kaminer hat es nicht einfach im Deutschen Bürokratiedschungel. Aber Moment! Hat er das nicht schon in seinen letzten Büchern angemerkt? Herr Kaminer hat Probleme mit dem Arbeitsamt, dem Einwohnermeldeamt, der Schulbehörde usw. Diese Auseinandersetzungen hatten zumindest noch politischen Biss und die Message ist nach Buch einemillionundirgendwas auch angekommen: Deutschland ist kompliziert – Russland nicht. Das gilt sogar für Kleingärten: Der Autor zieht den Vergleich zwischen dem Garten der Verwandten seiner Frau im Kaukasus, welcher wild und pragmatisch ist, und seinem geordneten, von der Gartenkommission kontrollierten Gegenstück inmitten Berlins. Aber wirklich spannend sind diese Ausführungen nicht. Seine Geschichten sind zu konstruiert, kalkulierbar, ohne den Charme des Spontanen, Alltäglichen.
Die witzigen Gartennachbarn, welche mehr erdacht als real existent wirken (ein Novum bei Kaminer!), können da auch nichts mehr retten. Der kauzige Nachbar Günther Grass, man sucht vergebens Parallelen zum berühmten Namensvetter, oder die schrille Naturheilerin Frau Krause sind zwar auf ihre Art und Weise charmant, es würde aber nicht auffallen, blieben sie unerwähnt. Obwohl – vielleicht doch: Das Buch wäre um mindestens 50 Seiten dünner.
Das Buch passt schließlich gut in den Rahmen, in welchem es spielt. Wenn man im Sommer einen gammeligen Nachmittag verbringt, ist dieses Buch eine nette Erheiterung, welche einem nicht in Erinnerung bleiben wird, aber zumindest das ein oder andere Schmunzeln hervorrufen könnte.
ISBN 3442546184, Manhattan 2007, 224 Seiten, gebunden, € 17,95
rezensiert von Philipp am 17.03.2008
rezensiert von Philipp am 17.03.2008
