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<title>aufgelesen.org</title>
<link>http://aufgelesen.org</link>
<description>Buchrezensionen</description>
<language>de-DE</language>
<copyright>Alexander Schau</copyright>
<lastBuildDate>Mon, 21 Jan 2013 17:00:50 CET</lastBuildDate><item><title>aufgelesen.org: "Peehs Liebe" von Norbert Scheuer</title><pubDate>Mon, 21 Jan 2013 17:00:50 0</pubDate><description>Rosarius Delamot ist kein gewöhnlicher Erzähler. Seine gesamte Kindheit und Jugend über sprach Rosarius kein Wort, teilte sich nur in stetigem Summen mit. Er war ein Sonderling, konnte nicht mit anderen Kindern seines Alters zur Schule gehen – erst mit 23 Jahren fing er zögerlich an zu sprechen.
Mittlerweile in einem Seniorenheim wohnend, blickt Rosarius auf sein Leben zurück und erzählt seine Geschichte, die – wie auch andere Romane von Norbert Scheuer – größtenteils in der Eifel spielt. Parallel dazu wird von Annie erzählt, der knapp 30-jährigen Altenpflegerin, die sich geradezu hingebungsvoll um Rosarius kümmert. Der Leser begleitet sie bei ihrer Arbeit, beim Abschied von gestorbenen Bewohnern des Seniorenheims, beim Beobachten ihrer heimlichen Liebe, einem jungen, von Annie Bellarmin genannten Mann, der ebenfalls für das Seniorenheim arbeitet – und bei den vielen Stunden, die sie bei Rosarius verbringt.

Rosarius’ Geschichte ist, wie man schon vermuten kann, keine gewöhnliche. Seine Mutter Kathy scheint selbst der Welt ein wenig entrückt zu sein, ihr Liebhaber Vincentini ist es nicht weniger. Er ist ein fliegender Händler, der nach dem Krieg sein Geld insbesondere mit dem Verkauf eines Wunderheiler-Instruments namens “Perseus” verdient – einem Gerät, das durch die Einwirkung von Strom angeblich alles zu heilen vermag. Rosarius begleitet Vincentini oftmals auf seinen Handelsreisen, zunächst als stiller Begleiter, der im Auto wartet, später auch als Anschauungsobjekt für die mutmaßlichen Erfolge des “Perseus”. Auch fährt Rosarius oft bei dem Lkw-Fahrer Karl Höger mit. Zusammen unternehmen sie Fantasiereisen, in denen sie mit dem Laster durch sämtliche Kontinente fahren und auch Erdachtes wird für Rosarius zur Realität. Wenn Karl Höger erzählt, dass sie gerade über die Golden Gate Bridge gefahren sind, dann werden Fantasie und Wirklichkeit für Rosarius gleichbedeutend. Ab und an wird auch von Rosarius’ Vater berichtet, einem Archäologen, der den alten Straßen und Handelswegen der Antike quer durch Europa und den Nahen Osten gefolgt ist. Seine Reiseberichte sind illustre Einsprengsel in der Erzählung.

Und dann ist da Peeh. Sie ist Rosarius’ große Liebe. Sie lernen sich als Kinder in der Zeit kennen, in der Rosarius sich der Welt nur summend mitteilt und freunden sich an, auch gegen den Willen von Peehs Mutter. Eine Zeit lang verbringen sie jeden Tag miteinander, bis Peeh wegzieht und Rosarius von Sehnsucht und Kummer geplagt wird.

Norbert Scheuer hat mit “Peehs Liebe” einen Roman voll von nahezu zeitloser Poesie geschaffen. Ruhig, fast unberührt von äußeren Ereignissen scheint diese Geschichte aus der Eifel zu sein und auch in der Sprache findet sich diese Zeitlosigkeit wieder. In die Erzählung eingewoben finden sich zahlreiche Zitate aus Hölderlins “Hyperion”, die sich mit der Poesie von Scheuers Worten perfekt verbinden. Alles scheint in der Zeit verloren zu sein und alles dreht sich dennoch um diesen kleinen Ort Kall in der Eifel. Zugleich üben die ungewöhnlich kurzen Kapitel, die selten mehr als drei bis vier Seiten umfassen, eine unheimliche Sogwirkung aus und viel zu schnell hat man diesen kurzen, geradezu komprimierten Roman durchgelesen.

“Peehs Liebe” ist atmosphärisch sehr dicht – durch die kunstvolle Sprache, die der Realität ein wenig entrückte Geschichte, aber auch durch die vielen Parallelgeschichten, die den Roman mit anderen Erzählungen Norbert Scheuers verbinden. So trifft man auch in diesem Roman auf Leo Arimond, den man bereits aus “Flussabwärts” oder “Überm Rauschen” kennt. Auch viele Orte kennt man bereits aus vorherigen Werken Scheuers, von Gaststätten, Fußballplätzen bis hin zum Supermarkt, was dazu führt, dass die Geschichte trotz ihrer traumwandlerischen Erzählweise sehr real wirkt. Von Roman zu Roman lernt man die provinzielle Abgeschiedenheit dieser Handlungsorte in der Eifel besser kennen, ohne dass sie konstruiert oder künstlich wirken.

In jedem Fall ist Kall eine Reise wert – zumindest eine Lesereise. Und “Peehs Liebe” ist ein Roman, von dem man sich zehn Mal so viele Seiten gewünscht hätte. Mindestens.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=216</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Indigo" von Clemens J. Setz</title><pubDate>Mon, 21 Jan 2013 16:57:38 0</pubDate><description>Nein, mit der Farbe Indigo hat dieser Roman im Grunde nichts zu tun. Vielmehr adaptiert er eine Idee aus der Esoterik, nach der es Kinder gibt, die übersinnliche Eigenschaften besitzen. Der Theorie zufolge sind diese an einer indigofarbenen Aura zu erkennen und um diese sogenannten Indigo-Kinder dreht sich Setz’ Roman. Auch wenn das indigofarbene Erkennungsmerkmal fehlt, greift er das Konzept von übernatürlichen psychischen Fähigkeiten auf und konstruiert eine Welt, in der das Indigo-Syndrom bereits zum Alltag gehört. Wie das iPhone und der iPod ist hier das iKind zu einer alltäglichen Bezeichnung geworden, die keiner weiteren Erklärung bedarf. Offenbar.

Doch wie äußern sich die Kennzeichen eines iKindes? Auch im Roman sind die betroffenen Kinder von einer Aura umgeben, die, wenn auch unsichtbar, von anderen Menschen umgehend bemerkt wird. Denn kommt einem nicht betroffenen Menschen eine iPerson zu nahe, hat dies extreme körperliche Auswirkungen zur Folge. Der nicht betroffenen Person wird enorm schnell schwindelig, ein starker Brechreiz und Kopfschmerzen treten auf. Gelinde gesagt ist die Gegenwart eines Indigo-Menschen nicht auszuhalten. Besonders bei Kindern ist das Syndrom stark ausgeprägt, im Alter lässt es vielfach nach.

Das Syndrom ist in Setz’ Roman stark verbreitet. Oft werden Betroffene als “Dingos” beschimpft, sie leben isoliert und haben, je nach Intensität der Aura, oftmals auch zu den eigenen Eltern nur notdürftigen Kontakt, da auch diese die Anwesenheit des iKindes kaum ertragen können.

Im Blickpunkt des Romans steht Robert, ein junger Erwachsener, bei dem das Indigo-Syndrom über die Jahre immer schwächer geworden ist – ein ausgebrannter Fall. Er lebt mit seiner Freundin zusammen und ist geprägt von einer manchmal kaum zu kontrollierenden inneren Wut und einem übermäßigen Hang zum Sadismus. Roberts Freundin baut ihm, wenn er sich anders nicht abreagieren kann, kleine Wuthäuschen, die er bei Bedarf zerstören kann. Generell findet er Gefallen an Berichten, Filmen oder Fotos, die beispielsweise Tierquälereien zeigen, und wirkt auf andere dadurch sowohl verstört als auch verstörend.

Die zweite Hauptfigur der Erzählung ist das fiktive Alter Ego des Autors: der Mathematiklehrer Clemens Setz. Er macht ein Praktikum in einer auf iKinder spezialisierten Schule und wird dort auf äußerst seltsame Vorfälle aufmerksam: auf das merkwürdige Verhalten der iKinder untereinander, auf den exzentrischen Leiter des Instituts und insbesondere auf das plötzliche Verschwinden von Kindern. Setz macht sich daran, die Hintergründe des Syndroms zu studieren und nach dem Verbleib der Kinder zu forschen. Dabei verstrickt er sich immer tiefer in eine Geschichte, die von Seite zu Seite skurriler wird.

Eine generelle Skurrilität ist das Leitmotiv dieses Romans. Vom Indigo-Syndrom selbst einmal abgesehen, verwendet Setz vielfach Begriffe, die erst viel später oder nur indirekt aus dem Kontext heraus erklärt werden – manchmal aber auch einfach gar nicht. Die Protagonisten Clemens Setz und Robert bleiben beide auf ihre Art und Weise rätselhaft. Wo Robert sich übermäßig am Leid anderer erfreut, ist Setz das genaue Gegenteil, und zart besaitet wendet er sich beim geringsten Anzeichen von Gewalt oder Grauen umgehend ab. Auch der Umgang mit nahestehenden oder fremden Menschen ist bei beiden nur schwer nachvollziehbar. Immer wieder streut der Autor zudem merkwürdige Details von außergewöhnlichen Menschen oder Begebenheiten ein, von der Ausrottung der Dodos über Hunde im Weltall bis hin zum einsamsten Baum der Welt.

Begleitend dazu spickt Setz den Roman mit zahlreichen Anspielungen auf das Science-Fiction- und das Comic-Genre. So denkt Robert oftmals an fragwürdige Sinnsprüche vom von Adam West verkörperten Batman der klassischen 1960er Jahre-Serie und unterhält sich mit Bekannten ausgiebig über Star Wars. Und insbesondere Star Wars scheint auf Setz einen großen Einfluss gehabt zu haben. Wohl kaum zufällig thematisiert Robert auch die Midi-Chlorianer, deren Konzentration im Körper bei Star Wars dafür verantwortlich ist, wie empfänglich die jeweilige Person für die Macht ist. Setz überträgt die Macht auf die iKinder – doch ist die Macht in Star Wars vielfältig anwendbar, so ist das Indigo-Syndrom im Roman salopp gesagt nur “zum Kotzen”.

Die Grundidee hat durchaus ihre Reize. Doch krankt “Indigo” insbesondere daran, dass in weiten Teilen des Romans schlichtweg gar nichts passiert. Wie eine fortwährende Zustandsbeschreibung ohne fortlaufende Handlung dreht sich alles um die Konstruktion des Seltsamen, Befremdlichen. Dabei ist aber so manches Element, das seitens Setz wohl verstörend wirken soll, für Horror zu schwach, für Interesse des Lesers aber auch zu unerklärt. Zudem wirkt auch die Sprache übermäßig konstruiert und beginnt schon vor dem x-ten “wie”-Vergleich, anstrengend zu werden.

Interessant andererseits ist der Roman durch seine Drucklegung: So werden nicht nur passend zu Ausschnitten aus wissenschaftlichen Aufsätzen Bilder abgedruckt, es wird auch vielfach mit Schriftarten gespielt. Bei älteren Artikeln wird beispielsweise Fraktur genutzt, die Inhaltsangabe zu Beginn des Buchs ist in Setz’ Handschrift verfasst. Ein schöner Effekt, der aber nicht sonderlich dabei hilft, sich durch den zähen Inhalt von “Indigo” zu schleppen. Viel zu ertragen der Leser hier manchmal hat, wenn bis zur letzten Seite er sich kämpfen will.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=215</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Nevena" von Burkhard Spinnen</title><pubDate>Wed, 22 Aug 2012 14:00:20 0</pubDate><description>Patrick ist 17 und verschwindet in den Ferien und nach der Schule für den Großteil seiner Freizeit in der virtuellen Welt eines Onlinespiels. Wie in Onlinespielen so üblich, kämpft er dort mit einem seinem Alter Ego – in diesem Fall einer Zornelfenzauberin namens Pocahonta – gegen Drachen, Dämonen und ähnliche Schergen. Seinem Vater Henner passt das gar nicht. Er hat einen regelrechten Hass auf das Spiel entwickelt, das ihm nach Henners Ansicht seinen Sohn weggenommen hat.
Für Patrick ist das Spiel eine Ablenkung. Sein Charakter Pocahonta ist meist mit dem Barbaren Mr. Smith unterwegs, hinter dem sich die ebenfalls 17-jährige Spielerin Nevena aus Belgrad verbirgt. Beide schreiben viel miteinander, außerhalb des Chats haben sie sich bereits hunderte von E-Mails geschrieben. Begonnen hat dies vor knapp zwei Jahren, als Patricks Mutter Astrid im Sterben lag. Den Kampf gegen den Krebs hat Astrid irgendwann verloren – allein die Ablenkung durch das Spiel blieb für Patrick zurück.
Seitdem sie abwechselnd für die erkrankte Astrid sorgen mussten, verlief die Kommunikation zwischen Henner und Patrick nur noch zweckdienlich. Es wurde geplant, wer wann für was zu sorgen hatte und daran wurde sich gehalten. Und auch nach dem Tod der Mutter ist die Kommunikation zwischen Patrick und seinem Vater rudimentär geblieben. Patrick loggt sich ein und sein Vater Henner hasst das Spiel dafür. Aber aussprechen kann er es nicht. Stattdessen schämt Henner sich manchmal für Patrick und wünscht sich einen Sohn, der mit ihm in die Disco geht oder andere, spontane Dinge in der realen Welt unternimmt.

Vater und Sohn leben im selben Haus parallel und aneinander vorbei. Henner arbeitet in einem Museum und restauriert zu Hause alte Möbelstücke. Vor Kurzem hat er inseriert, dass er den alten Wohnwagen seiner Frau verkaufen will, und lotst gerade Kaufinteressenten durch den voll funktionstüchtigen Oldtimer, als er ein Angebot eines reichen Italieners aus Triest bekommt, eine Antiquität auf Echtheit und Wert zu prüfen. Zeitgleich verschwindet in Patricks Onlinespiel Nevena, deren Alter Ego Mr. Smith sich mitten im Kampf in Luft auflöst und nicht mehr auftaucht – tagelang. Patrick macht sich Sorgen, da Nevena noch nie ohne jede Nachricht für längere Zeit verschwunden war. Er durchstöbert ihre E-Mails auf der Suche nach persönlichen Angaben, mit denen er sie suchen kann, stellt aber fest, dass er noch nicht einmal ihren Nachnamen kennt. Zwar erzählt Nevena ständig von ihrer großen, chaotischen Familie, schreibt aber nie konkrete Namen oder Daten. Lediglich der Hinweis auf einen Kellner im kroatischen Ferienort Opatija, in dem Nevena häufig Urlaub macht, ist ein kleiner Hinweis, ein dünner Strohhalm Realität. Patrick erzählt Henner von seinen Sorgen und gemeinsam beschließen sie, nach Triest aufzubrechen, die Antiquität zu untersuchen und danach einen Umweg in das nur knapp einhundert Kilometer entfernte Opatija zu unternehmen und nach dem Verbleib von Nevena zu forschen – eine Reise, die sie im alten Wohnmobil tausende Kilometer weit und quer durch das ehemalige Jugoslawien führen wird.

Der Roman ist ein klassischer Roadtrip, der von dem Versuch erzählt, eine Verbindung zwischen der virtuellen und der realen Welt und eine Brücke zwischen Vater und Sohn herzustellen. Wer an eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Spielsucht-Thematik denkt, liegt hier jedoch falsch. Vielmehr wird nach Antreten der Reise nach Triest und Opatija die Schilderung der aktuellen Situation der Menschen im Balkan nach den Jugoslawienkriegen in den Vordergrund gestellt, stets verknüpft mit der Suche nach Nevena und ihrer wahren Identität. Spinnens Darstellung gibt einen Einblick in die Mischung aus Aufbruchsstimmung und Frustration in den Balkanstaaten, spiegelt die Schönheit dieser Staaten ebenso wider wie die noch immer sichtbaren Folgen des Krieges durch Zerstörung, Flucht und spätere Wiedereinwanderung.

Während Henners Betrachtungen der Reise dadurch sehr authentisch wirken, werden Patricks Schilderungen, die sich in der Erzählung stetig mit Henners abwechseln, ständig durch Impressionen aus seinem Onlinespiel unterbrochen. Anfangs mag man noch denken, dass das wohl normal ist, wenn man sich vom Computer losgeeist hat und sich nun auf einer Tour quer durch Europa befindet. Unterhaltsam sind die eher ironisch überhöhten Hinweise auf das Onlinespiel, wie die “hitzeresistenten Frosthandschuhe des Winterzorns”, deren Augenzwinkern kaum zu überlesen ist. Aber irgendwann werden die stetigen Vergleiche mit dem Spiel geradezu nervtötend. Patrick denkt bei im Wind klappernden Fahnenmasten an eine geeignete Hintergrundmusik für eine Spielszene. Während er in Triest von einem Raum zum nächsten schreitet, denkt er, dass kein Levelwechsel dramatischer sein könnte. An manch einer Stelle schlägt sein Herz so schnell wie damals als er im Spiel … – und es folgt ein Vergleich mit einer Kampfszene. Natürlich hat er die Intro-Musik des Spiels als Klingelton, manchmal will er, tausende Kilometer von seinem Computer entfernt, unwillkürlich die Actiontaste drücken und die Menschen um ihn herum benehmen sich wie seine persönlichen Questgeber.
Wenn diese ständigen Anklänge an das Spiel den [i]Gamer[/i] Patrick realistischer erscheinen lassen sollen, so klappt das nicht ganz. An vollkommen unerwarteten Stellen bricht Patrick plötzlich aus dem “real life” aus und kommt mit einem Spielvergleich daher und spannende oder stimmige Handlungsverläufe werden dadurch in abstruser Weise unterbrochen. Da hilft es auch nicht viel, wenn man erst im Nachsatz zum Roman Spinnens Anmerkung liest, dass er “die Erscheinungsform und die ‘Grammatik’ des Spiels den Erfordernissen der Geschichte angepasst” hat.
Dementsprechend ist “Nevena” durch die Thematisierung des Balkans interessant, steht sich an vielen Stellen durch den Handlungsstrang “Onlinespiel” aber selbst im Weg. Wahrscheinlich ist es für Leser, die mit Onlinespielen nichts oder nicht viel anfangen können, umso interessanter, aber selbst für [i]Casual-Gamer[/i] sei hier Vorsicht vor gelegentlichem [i]facepalm[/i] geboten. Zwinkersmily.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=214</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Export A" von Lisa Kränzler</title><pubDate>Tue, 21 Aug 2012 19:44:24 0</pubDate><description>Mit dem Nötigsten auskommen zu müssen – das prophezeit sich Elisabeth, genannt Lisa, bereits nach den ersten Tagen in Kanada. Sie ist 16 und gerade im frostigen Territorium von Yukon angekommen, wo das Thermometer nur selten positive Zahlen schreibt. Aus dem Nest ihrer gut situierten und christlich-religiös geprägten Familie geradezu entflohen, versucht Lisa nach anfänglicher Orientierungslosigkeit im fremden Land Anschluss zu finden. Für ein paar Tage wohnt sie bei ihrer Schwester, die mit ihrem Mann in Kanada lebt, zieht dann in die Wohnung einer neugierigen, missmutigen Vermieterin, von der sie recht bald wieder vor die Tür gesetzt wird.

Woran orientieren, in einem fremden Land? Die Schwester lebt knapp 120 Kilometer entfernt von Lisas Highschool- und Wohnort und scheidet als unterstützende oder kontrollierende Instanz aus. Nur an Sonntagen teilen sich die beiden den Gang zum Gottesdienst, der Lisa ein zunehmend schlechtes Gewissen beschert. Sie klinkt sich in die Gemeinschaft ihrer Mitschüler ein, will dazugehören. Feucht-fröhliche Partys bescheren ihr eher zufällig den Ruf, trinken zu können wie ein Seemann, mitsamt dem Kosenamen “german sailor”. Nach ihrem Rauswurf aus der Wohnung zieht Lisa zusammen mit mehreren anderen in eine mintgrüne Reihenhaushälfte. Zu Alkohol und Zigaretten mischen sich recht schnell Drogen und Fehlstunden an der Highschool. Lisa will sich beweisen, will anerkannt werden. Mit dem Geld, das ihre Familie ihr schickt, bezahlt sie die Miete für die zur Party-Hochburg und Messi-WG verkommenden Wohnung. Sie geht kaum noch zur Schule, trinkt – und verliebt sich. Immer weiter klafft der Graben zwischen den Mahnreden von Pastor Leroy und den filmrissigen Partys. Predigttexte vermischen sich mit Rocksongs, bis eines Tages eine alkoholgetränkte Feier eine tiefe Kerbe in Lisas Leben schlägt. Der Konflikt zwischen der Reinheit der religiösen Erziehung und ihren Erlebnissen steigert sich für Lisa bis in eine existenzielle Zerreißprobe.

Und hinter allem steht – zehn Jahre später – Lisa, die in der Rückschau versucht, ihre chaotische, in Nebel gehüllte Zeit in Kanada zu ordnen und von sich zu schreiben. Sie will etwas loswerden, das an dieser Zeit haftet, das vergessen werden will, aber nicht vergessen werden kann. Sie schafft ein Mosaik aus kanadischen Versatzstücken, eine Montage, die die Puzzleteile zu einem unvollständigen Bild zusammenfügt, einen Lückentext, der die verdrängten Leerstellen der Vergangenheit widerwillig auszufüllen sucht.

Dass die Autorin Lisa Kränzler bildende Künstlerin ist und Malerei studiert hat, spiegelt sich auch in ihrer Sprache wider. Insbesondere die Farben – in den Schnee-Ebenen von Kanada hauptsächlich blasse, weiße, graue und dreckige Töne – sind überaus präsent, zudem das Aufsprengen von gewohnten Bildern in bruchstückhafte, mikroskopische Detailaufnahmen, in Partikel, die sich wiederum zu einem kunstvollen, großen Ganzen verketten. Oftmals ist unklar, ob die gerade beschriebenen Vorkommnisse wirklich geschehen oder nur Auswuchs einer Drogeneskapade sind. Und in all dem rauen, oft ungeschmückten Tonfall gibt es einige Stellen von kunstvoll stilsicherer Sprachschönheit.
“Export A” ist ein beachtlicher Debütroman über unbedachte Konsequenzen, über das versuchte Austreiben der eigenen Dämonen durch das Schreiben, über Verantwortung, Schuld und Sünde.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=213</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Lunar Park" von Bret Easton Ellis</title><pubDate>Tue, 21 Aug 2012 19:40:51 0</pubDate><description>Man könnte tatsächlich meinen, dass man einen autobiografischen Text vor sich hat, wenn Bret Easton Ellis auf den ersten Seiten des Romans “Lunar Park” von seinen bisherigen Werken, seiner Karriere als Autor und der wenig herzlichen Beziehung zu seinem Vater berichtet. Doch Zweifel kommen recht schnell auf. Am Camden College hat er also studiert? Gab’s das überhaupt? Da war doch was? Und mit Jayne Dennis ist er verheiratet – die hat zusammen mit Keanu Reeves gedreht. Eine eher unbekannte Schauspielerin?

Nein, nicht existent. Genauso wie Ellis’ Sohn Robby und seine Stieftochter Sarah ist Jayne Dennis ein fiktionaler Charakter innerhalb eines Romans, der sich um den halbfiktionalen Autor Bret Easton Ellis dreht. Dieser versucht, nach ausschweifenden Drogeneskapaden ein normales Leben anzufangen und zieht zu Jayne Dennis in einen Vorort von New York. Die beiden hatten schon vor vielen Jahren eine Liebschaft, aus der der gemeinsame Sohn Robby hervorging, da Dennis, trotz Ellis’ Bitten und Flehen das Kind nicht hatte abtreiben wollen. Mehr vorgehalten als überzeugt versucht Ellis nun, eine Beziehung zu seinem Sohn und seiner Stieftochter aufzubauen – sein Scheitern wird regelmäßig bei seinem Psychologen und der Eheberatung thematisiert.

Am Vorabend von Halloween, der Nacht, in der nach vorchristlichem Glauben die Seelen der Toten auferstehen und unter uns wandeln, gibt die “Familie” eine Halloween-Party. Zu dieser kommen auch viele Studenten des Colleges, an dem Ellis derzeit einmal wöchentlich lehrt und sich im Glanz seines schriftstellerischen Ruhms sonnt. Einer der kostümierten Gäste kommt im blutbespritzten Armani-Anzug als Patrick Bateman, dem Hauptcharakter in Ellis’ Roman “American Psycho”, zur Party. Dies macht auf den unter dem Einfluss von Kokain und diversen Medikamenten stehenden Ellis einen wenig erfreulichen, vielmehr beklemmenden Eindruck.
Von da an häufen sich die skurrilen Ereignisse. Ellis, der nach der Party bemüht ist, insbesondere die Möbel wieder in die richtige Ordnung zu rücken, sichtet immer häufiger ein Auto, das auch sein inzwischen verstorbener Vater vor über zwanzig Jahren schon besessen hatte. Die Farbe am Haus, das nie neu gestrichen wurde, blättert an einigen Stellen ab und bringt einen darunter  verborgenen, lilafarbenen Anstrich zum Vorschein. Nächtliche Schabgeräusche und Kratzspuren an den Türen irritieren die Kinder – und irgendwie scheint das vogelähnliche Kuscheltier von Stieftochter Sarah, der Terby, mehr als nur mechanisch gesteuert zu sein. Seit einiger Zeit bekommt Ellis zudem an manchen Tagen von der Bank, die die Asche seines Vaters aufbewahrt, nachts um 2:40 Uhr eine leere E-Mail zugestellt. In der Bank weiß niemand etwas davon. Spätestens als ein Detective zu Ellis nach Hause kommt und ihn in gedämpftem Ton warnt, dass in der Umgebung ein Serienmörder umgeht, der sich offenbar Patrick Bateman als Vorbild genommen hat und die Morde aus “American Psycho” nun wirklich begeht, ist Ellis alarmiert. Und starke Beruhigungstabletten mit Wodka mischend überlegt er, was zu tun ist.

“Lunar Park” ist nach Aussage von Bret Easton Ellis eine Hommage an Stephen King und die Comicbücher, die Ellis als Kind gern las. Er vereint Charaktere vorheriger Romane und stellt auch diesem Roman wieder eine promiske Hauptfigur mit exzessivem Drogenkonsum und ohne festen Platz in der Gesellschaft voran. Auch ist “Lunar Park” eine Parodie auf die zeitgenössische amerikanische Gesellschaft, insbesondere bezogen auf den Umgang der Upper Class-Eltern mit ihren Kindern. Sogar die beiden Kinder des fiktionalen Bret Easton Ellis stehen die meiste Zeit unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln, sitzen zeitweise einfach nur lethargisch herum und starren ins Leere. Seine Gesellschaftskritik ist zwar deutlich schwächer als in “American Psycho” oder “Less Than Zero”, macht aber dennoch den Reiz dieses Werks aus, ebenso das Auftauchen altbekannter Charaktere. Die Hommage an Stephen King ist dem Roman deutlich anzumerken – ob die Mischung von klassischem Ellis-Ton mit ebenso klassischen Horror-Merkmalen gelungen ist, sei jedoch dahingestellt. Der Roman ist eine Gratwanderung und erweitert das Repertoire von Ellis’ Werken um ein doch eher unvermutetes Genre.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=212</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Die Vorzüge der Dunkelheit" von Ror Wolf</title><pubDate>Sun, 01 Jul 2012 13:01:23 0</pubDate><description>Ror Wolf ist ein Meister der surrealen Literatur. Mit seinen Kurz- und Kürzestgeschichten wie im Werk “Zwei oder drei Jahre später” hat er schon früher für erheiternde Verwirrung beim Leser gesorgt. “Neunundvierzig Ausschweifungen” waren es damals – in seinem neuesten Roman “Die Vorzüge der Dunkelheit” sind es nun “Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen”.

Und Ror Wolf setzt seinen Stil hier in ähnlicher Weise fort. Sein komprimierter Schreibstil führt von der ersten bis zur letzten Seite zu einer Aneinanderreihung grotesker Traumszenen, in denen dem Erzähler plötzlich so Selbstverständliches wie eine Hand oder ein Fuß fehlt, in denen sich der Handlungsort in Sekundenschnelle von einem Kontinent zum nächsten, von einem Ort zum anderen, von einem Bruchstück zum nächsten verschiebt. Wieder ist der Roman ein einziges Sprachspiel, eine stetige Variation von Bildern und Handlungssplittern.

[quote]Der Mann erzählte, wie er einmal aus einem scheinbar ganz unbelebten Bett heraus mit einem gewaltigen Satz in die Höhe gesprungen sei, um im nächsten Moment zu verschwinden. Dann biss er ein Stück der Speisekarte ab und sagte: Ich beiße noch mehr ab, passen Sie auf. Er lehnte sich seufzend zurück und saß eine Weile still neben mir. Plötzlich glitt er lautlos zu Boden. Es war ein schöner Oktobertag. Jemand deckte gerade den Tisch. Überall machten Menschen Spaziergänge. Aber es war nicht so. Es war anders. Ich stand vor dem Spiegel, frei unter dem kalten Himmel. Hinter mir schlich mit einer unerklärlichen Langsamkeit ein Mann vorbei und verschwand wortlos am oberen Rand des Bildes.[/quote]

Ror Wolf spielt mit gezielten Auslassungen, schreibt so verdichtet, dass eine stringente Handlung unmöglich, aber auch unnötig wird.

Und dann sind da die Bilder. 79 ein- und doppelseitige Collagen sind im Roman abgedruckt und bilden bei 272 Seiten ein gleichrangiges Gegengewicht zu den Textseiten. Verschiedenste Illustrationen von Landschaften, Personen, Tieren oder Körperteilen wurden vom Autor zu verfremdeten Collagen kombiniert. Die Bilder setzen fort, was im Text bereits angestoßen wird: Es reiht sich Momentaufnahme an Momentaufnahme, Bild folgt auf Bild, ohne oder mit nur losem Sinnzusammenhang.

“Die Vorzüge der Dunkelheit” besteht aus Versatzstücken, aus Impressionen. Konkretes vermischt sich mit gänzlich Unkonkretem, alles wird vollkommen austauschbar. Der Roman ist so skurril, dass von einer möglichen Handlung nach dem Lesen nichts in Erinnerung bleiben mag. Gestalterisch stellt es ein Gesamtkunstwerk dar, das Bild- und Wortkunst in einem 272 Seiten langen, halluzinierten Trip vereint.

Handlung? Ein Traumgeflecht, das nach dem morgendlichen Erwachen und dem Erreichen der letzten Romanseite sofort zu verblassen beginnt. Aber unwichtig, wenn man bereit ist, sich auf eine unkonventionelle Leseerfahrung einzulassen.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=211</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Zur falschen Zeit" von Alain Claude Sulzer</title><pubDate>Sat, 30 Jun 2012 14:57:05 0</pubDate><description>In der Schweiz der frühen 1970er Jahre betrachtet der namenlos bleibende Erzähler erstmals genauer das Bild seines verstorbenen Vaters. Lange Zeit war das Foto für ihn bloße Dekoration des Zimmers; seit Jahren stand es auf demselben Platz im Bücherregal und gehörte zum selbstverständlichen Inventar. Doch als der Erzähler nun, siebzehnjährig, zu Beginn des Romans vor dem Bild stehen bleibt, verweilt sein Blick ungewohnt lang auf dem Abbild dieses ihm unbekannt gebliebenen Mannes, der sich kurz nach der Geburt des Sohnes umbrachte. Wie zufällig bleiben Blick und Interesse an der Armbanduhr des Fotografierten hängen. Sieben Uhr fünfzehn zeigt diese Uhr an, die der Sohn mithilfe einer Lupe als Omega Seamaster ausmacht. Sieben Uhr fünfzehn – eine ungewöhnliche Zeit für ein professionelles Porträtfoto, sei es morgens oder abends.

Der Sohn wird neugierig. Scheinbar erstmalig in seinem Leben wird ihm bewusst, dass er nie etwas über das Wesen seines Vaters erfahren hat, nie mehr von ihm besessen hat als dieses eine Foto. Seine Mutter hat nur selten etwas über den verstorbenen Vater erzählt. Meist reagierte sie abweisend, die Erinnerungen an ihn hat sie sorgsam weggeschlossen. Die letzten Hinterlassenschaften des Vaters, so hatte die Mutter es dem Sohn erst wenige Wochen vorher offenbart, sind im Laufe der Jahre verloren gegangen.

Aber die Uhr war nicht unter jenen Hinterlassenschaften. Über einen Aufkleber auf der Rückseite des Fotos findet der Sohn heraus, dass der Fotograf André Gros, sein eigener Patenonkel, war. Auch von diesem ist dem Erzähler nicht viel mehr bekannt, als dass er in Paris wohnt oder gewohnt hat und mit dem Vater sehr gut befreundet war. Und dass ihm die Mutter nach dem Tod des Vaters die Omega Seamaster vermacht hat. Und so geschieht zwangsläufig, was geschehen muss: Der Erzähler bricht auf nach Paris – um die Uhr zurückzuholen und um mehr über seinen Vater zu erfahren.

Wer Alain Claude Sulzer aus der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises kennt, weiß, dass er gern betont, wenig mit Lyrik anfangen zu können. Dies wird auch in seiner eigenen Sprache deutlich. Sulzer erzählt in einer wunderbar klaren, unaufgeregten und unverschnörkelten Sprache von der Suche nach der eigenen Familiengeschichte, von Liebe, gesellschaftlichen Konventionen und vom Versuch, sich vom Willen der Eltern und der vorgezeichneten Lebensplanung zu emanzipieren. Nach und nach fügt sich das Bild des Vaters zusammen, seiner eigenen Jugend, seiner Lebensumstände und es enthüllen sich die Gründe, die zu jenem frühen Selbstmord geführt haben. “Zur falschen Zeit” ist ein spannender, ungemein lesenswerter Roman.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=210</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Am Anfang war die Nacht Musik" von Alissa Walser</title><pubDate>Wed, 20 Jun 2012 22:11:58 0</pubDate><description>Wir befinden uns in Wien im Jahre 1777. Franz Anton Mesmer, ein angesehener Wiener Arzt, wird darum gebeten, die blinde Tochter des kaiserlich-königlichen Hofbeamten zu untersuchen. Besagte Tochter, Maria Theresia Paradis, wird von Mesmer in einem verstörenden Zustand vorgefunden: Sie ist schweigsam und scheu, blass geschminkt und wirkt durch ihre der gesellschaftlichen Etikette geschuldeten Perücke geradezu verkleidet. Mesmers neue Patientin ist eine bekannte Pianistin, die bereits der Kaiserin vorspielen durfte und von der insbesondere seitens ihrer Eltern viel erwartet wird.

Mesmer nimmt Maria Theresia in sein Spital auf. Seit Jahren schon ist er Verfechter einer Heilmethode, die sich auf den Einsatz von Magneten konzentriert. Durch seine berühmte neue Patientin erhofft sich Mesmer die lang ersehnte medizinische und gesellschaftliche Anerkennung seiner magnetischen Heilkünste. 

Sie plätschert ein wenig vor sich hin, die Geschichte um Mesmer und seine Patientin. Mit vielen Rückgriffen auf die klassische Musik zeichnet Alissa Walser den langsamen, schwierigen Weg der Vertrauensbildung zwischen Arzt und Patientin nach. Paradis ist eine durch und durch schüchterne, fast filigrane Person, deren versuchte Genesung immer wieder damit kollidiert, dass sie durch eine fortschreitende Heilung beim für sie so wichtigen Klavierspiel aus dem inneren Gleichgewicht gerät. Die Sprache in der Alissa Walser schreibt ist schön, aber ein wenig zu ruhig, zu unaufgeregt. Ab und an hätte bei all dem [i]Adagio[/i] ein [i]Allegro[/i] nicht geschadet. Und hat es der wahre Franz Anton Mesmer geschafft, mit seinem Namen für den im Englischen geläufigen Begriff [i]mesmerize[/i] Pate zu stehen, hätte man sich von eben jener hypnotischen Kraft in diesem Roman ein wenig mehr gewünscht. </description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=209</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Ewig Dein" von Daniel Glattauer</title><pubDate>Sat, 05 May 2012 22:48:58 0</pubDate><description>Wenn man von einem oder gleich mehreren Romanen eines Autors hellauf begeistert ist, neigt man gern einmal zu einem Blindkauf, sobald dieser Autor ein neues Buch auf den Markt bringt. Oftmals bestätigt sich dann die Hoffnung und man hat einen würdigen Nachfolger in den Händen. Aber in manchen Fällen mag man das Geld für den Kauf des Buches nach dem Lesen fast bereuen.

Zur letztgenannten Gruppe gehört für mich leider „Ewig Dein“ von Daniel Glattauer. 

Zum Inhalt: Judith, Ende dreißig, ist Single und führt ein eigenes Lampengeschäft. Eines Tages fährt ihr im Supermarkt ein Mann mit seinem Einkaufswagen in die Hacken. Er entschuldigt sich, sie nickt es ab und beide gehen wieder auseinander. Wenige Tage später steht besagter Mann, Hannes, in Judiths Lampengeschäft, um sich bei ihr noch einmal zu entschuldigen – er habe sie zufällig beim Betreten des Geschäfts gesehen.

Wie zu erwarten war, kommen sich Judith und Hannes näher, beginnen schließlich eine Beziehung. Hannes ist Feuer und Flamme, überschüttet seine Angebetete mit Zuneigung und Aufmerksamkeiten. Judiths Familie ist vom neuen Freund auf Anhieb begeistert. Judith selbst hingegen wird nach anfänglicher Freude immer verhaltener. Je einnehmender Hannes wird, desto weiter scheut sie zurück. 

Man ahnt bald, dass die unausgeglichenen Anziehungskräfte die jungen Beziehungsbande zu Fall zu bringen drohen. Nach einer gemeinsamen Urlaubsreise ist für Judith klar, dass sie die Beziehung beenden will. Doch Hannes lässt sich von seiner Zuneigung nur schwer abbringen und wird zum Stalker.

Von diesem Moment an kann man annehmen, dass „Ewig Dein“ als Psychothriller gedacht war. Leider wird dies in keiner Weise konsequent durchgesetzt. Insbesondere der Mischmasch aus ernster und salopp witziger Erzählweise trägt dazu bei, dass Sympathie und Nachvollziehbarkeit sich nicht wirklich einstellen wollen, von Spannung ganz zu schweigen. Die „Person A: ‚Antwort A’ Person B: ‚Antwort B.’“-Schreibweise, die im Roman merklich oft angewendet wird, ist anfangs nett, bald aber recht ermüdend. Einen drastischen Dämpfer verpasst auch Judiths Auszubildende Bianca, die in [i]ur dem coolen Slang[/i] spricht, der [i]mal ur volle arg nicht auszuhalten[/i] ist. 

[quote]„Oder ist es wegen Ihrem Exfreund?“, fragte Bianca. Judith richtete sich auf und schaute das Lehrmädchen erstaunt an. Bianca: „Der ist noch immer superlästig, stimmt\'s?“ Judith: „Ja, das ist er.“ Bianca: „Manche brauchen eben volle lang, bis sie\'s begreifen.“ Judith: „Er beobachtet mich. Er folgt mir auf Schritt und Tritt. Er weiß alles, was ich mache.“ Bianca: „Echt? Superarg bitte. Wie ein Gespenst.“[/quote]

Das wirkt [i]volle arg[/i] nicht authentisch. Generell wird, sobald die Beziehung von Judith und Hannes kippt, die Handlung immer chaotischer und die Gedankengänge Judiths immer weniger nachvollziehbar. Wenn dann am Ende alle wirren Handlungsstränge in einem finalen Höhepunkt der Abstrusität zusammenlaufen, will man eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln. 

Man mag seine Erwartungen an Daniel Glattauer nach den wirklich gelungenen Romanen „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ hoch ansetzen - sollte man aber vielleicht besser nicht.</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=208</link></item><item><title>aufgelesen.org: "Die schärfsten Gerichte der tartarischen Küche" von Alina Bronsky</title><pubDate>Wed, 02 May 2012 14:50:52 0</pubDate><description>Ja, das kommt davon, wenn man erst einmal knapp zwei Jahre wartet und anderen Büchern zunächst den Vortritt lässt, da man auf die Taschenbuch-Ausgabe wartet. Dann verpasst man knapp zwei Jahre lang einen verdammt guten Roman. Aber man kann es nachholen. Und das sollte man auch.

Die Handlung des Romans beginnt in den späten 1970er Jahren in der Sowjetunion. Sulfia, die Tochter der Ich-Erzählerin Rosalinda, wird aus heiterem Himmel schwanger. Sulfia hat es nach Ansicht von Rosalinda mit ihren 17 Jahren im Leben zu nichts gebracht und wird dies auch niemals tun, da sie klein, hässlich und dumm ist. Da kein Mann sie freiwillig auch nur anschauen würde, ist Rosalinda sich sicher, dass das Kind das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis ist. Um aber die Zukunft der nichtsnutzigen Sulfia nicht noch aussichtsloser werden zu lassen, indem ihr durch die Schwangerschaft auch noch die Chance auf einen festen Arbeitsplatz als Krankenschwester verwehrt wird, versucht Rosalinda unter Beihilfe der Nachbarin das Kind abzutreiben. Der Versuch schlägt fehl, das Kind wird geboren und – damit Sulfia wenigstens eine anständige Krankenschwester wird – in die Fittiche der Oma übergeben. Und diese Oma hat es in sich. Rosalinda ist skrupellos, wenn es um die Durchsetzung ihrer Vorstellungen geht, ganz besonders im Bereich der Erziehung. 

Mit viel schwarzem Humor portraitiert Alina Bronsky eine heillos überzeichnete Großmutter, die von sich selbst behauptet, nur das Beste zu wollen, um am Ende in der Hauptsache ihre eigenen Ziele durchzusetzen. 
In Rosalindas Welt ist alles geplant, alles läuft nach ihrem Willen. Während sich die Mitglieder der Familie nach und nach von ihr abwenden, bleibt Rosalinda die alles umfassende Konstante, um deren radikale und korruptionsschwangere Gedankenwelt sich diese Familiengeschichte spinnt. Erzählt wird in kurzen, prägnanten Sätzen, deren rasantes Tempo Alina Bronsky rigoros bis zum Ende hin durchhält. Sehr empfehlenswert!</description><link>http://aufgelesen.org/bibliothek.php?buch=207</link></item>
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